Das Werden und Vergehen der Pflanzen im Zyklus der Jahreszeiten erlebe ich seit je her intensiv. Ich begann das Herbarium, um mich mit meiner eigenen Vergänglichkeit zu beschäftigen. Meine Arbeit als Lehrerin war beendet. Digitalis, der Fingerhut, wurde zur ersten Pflanze der Serie. Ich vertauschte die digitalen Aufgaben der Schule mit dem Fingerhut, den ich mir zum Nähen auf den Finger setzte. 
Eine Form des klassischen Herbariums besteht aus getrockneten Pflanzen, die kunstvoll in Bücher eingeklebt wurden. Das Grün ist zu Braun geworden. Daran habe ich mich anfangs orientiert und vergass das Grün. Das Grün klopft aber immer wieder an die Tür. Ich reisse dann einen Stopp. Grün auf Bild wirkt tot, finde ich, aber ich wage mich manchmal zaghaft vor ins Grüne, wie andere vor mir das taten in der Vielzahl der gezeichneten und gemalten Herbarien.
Welche Pflanze als nächstes dran ist, weiss ich nie im Voraus. Manchmal beginne ich mit einer Liste. Die kommt mir aber sofort wieder abhanden. Eher kommt mir vor, wählen die Pflanzen mich als ich sie. Ich kann mir noch so sehr sagen, ein Wiesenschaumkraut, das wäre doch mal schön. Es funktioniert nicht. Meine Auswahl erwächst mir aus der Flora entlang der Strassenränder in meinem Quartier. Oft zeigt sich, dass sie mit einem seelischen Thema verbunden ist. Die Winde begegnete mir zu einem Zeitpunkt, wo ich mich mit einer Entscheidung wand, ohne brauchbares Ergebnis weder im Leben noch als Werk. 
Die Stoffe finde ich am Strassenrand in den "Zum Mitnehmen"-Taschen und Schachteln, in Brockenhäusern, im Caritas-Laden, in meinem Kleiderschrank. Manche schenken mir Freundinnen oder meine Tochter. Manche kommen wie gerufen, bereits in Form eines Fetzens, der mir eine bestimmte Blüte ans Herz legt. Gelegentlich färbe ich Stückchen mit Schwarztee, bemale sie mit Acrylfarben oder zeichne mit Textilfilzstiften darauf. Ich nähe vieles von Hand an, aber auch mit der Nähmaschine. Geklebt mit Saumklebband sind wenige knifflige winzige Teilchen. Manche Arbeiten sind dicht geschichtet und schwer, manche federleicht. Das Sticken kommt dazu um Akzente zu setzen, manchmal für ganz langweilige parallele Linien um eine Fläche zu füllen. Dies am liebsten im Stielstich. Neuerdings sticke ich genau beobachtete Pflanzenstudien. Auch vorgefundene Stickstücke integriere ich, imitiere teils ihren Stich, lasse sie fast ununterscheidbar weiter wachsen. 
Die Serie ist momentan auf 42 Seiten angewachsen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

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